Deutsch fuer Profis
Donnerstag, 9. Juni 2005
Die Eigenschaftswörter (Adjektive) sind die am häufigsten überschätzte und am meisten missbrauchte Wortgruppe. Nach Schneider produzieren sie Tautologien (die Bezeichnung desselben durch verschiedene Ausdrücke), wie z.B. schwere Verwüstung, was soll denn eine leichte Verwüstung sein? Oder das Schild „Neu renoviert“, was ist denn bitte schön renovieren sonst?
Am häufigsten kommen Adjektive in der Form vor, dass sie zusammengesetzte Hauptwörter zerlegen: Statt „Elternhaus“ „elterliches Haus“ oder „saisonale Schwankungen“ statt „Saisonschwankung“. Hier denkt man sich vielleicht nichts dabei, aber mal ehrlich, wie sieht es aus mit: „mondliche Finsternis“ oder „schriftlicher Steller“? Man sollte daher immer prüfen, ob sich nicht ein Adjektiv verscheuchen lässt, denn „im schulischen Bereich“ ist sowohl um zwei Silben länger und ungleich hässlicher als „in der Schule“.
Unfug richten Adjektive auch dort an, wo sie die Logik auf den Kopf stellen, weil sie auf das falsche Substantiv bezogen sind. Der Besitzer eines vierstöckigen Hauses ist niemals ein vierstöckiger Hausbesitzer, und der atlantische Tiefausläufer ist ja kein Tief das atlantisch ausläuft, sondern ein Atlantiktief, das seine Ausläufer schickt. Somit sollten wir die geräucherten Schinkenhändler endlich in die redaktionelle Überlegungsphase ziehen und der logischen Widersinnigkeitsproblematik den Garaus machen.
Zu den schlechten Eigenschaften des Adjektivs gehört auch, dass es sich steigern lässt, wie z.B. in „keinster“ Weise. So viel ist klar: Nicht steigern lässt sich z.B. dreiseitig, einzig, eisern, ideal, schulfrei oder tot. Doch andere Adjektive, bei denen es nicht minder klar sein müsste, werden gesteigert: alltäglich, bedeutet denn täglich was anderes?
Schneider sagt, dass Adjektive nur erlaubt sind, wenn sie unterscheiden (das blaue, nicht das grüne Kleid), werten (ein sehenswerter Film) oder ausnahmsweise verdeutlichen (er knöpfte sich eine Weste über seinen weitläufigen Leib). Also, mit Adjektiven größte Vorsicht, jedes gestrichene, ist als Gewinn zu betrachten!
chaoskatrin - 9. Jun, 15:28
Mittwoch, 8. Juni 2005
Im Vorfeld sei gesagt, ich verzichte hier auf viele Zitate, denn sonst könnte ich auch gleich das ganze Kapitel abschreiben. Ich hoffe ich konnte hier das Wichtigste heraussuchen.
Günter Dahl (Stern-Redakteur): „Die Sprache muss vom Leser verstanden werden, ohne Tricks, ohne Mätzchen. Das ist alles.“
Ludwig Reiners: (seine drei Generalregeln) „Schreibe wie Du sprichst! Schreibe verständlich! Schreibe knapp.“ Er rät, treffend, lebendig, klar und knapp zu schreiben. Er meint, gute Schriftsteller lesen- nur über das schreiben, wovon man was versteht-, sich weiterbilden, statt sich auf Lorbeeren auszuruhen.
Nach Schneider ist gutes Deutsch auch immer korrektes Deutsch, außer vielleicht bei ein paar wüsten Genies. Es ist aber auch weit mehr als tadelloser Umgang mit Grammatik, Rechtschreibung und Interpunktion.
Gutes Deutsch ist nicht immer verständlich oder interessant. Verständliches Deutsch braucht weder gut noch interessant zu sein, so ist z.B. die Gebrauchsanweisung für einen Feuerlöscher zu schlicht, um gut, zu monoton, um interessant zu sein; außer für den, der ein Feuer löschen will.
Interessantes Deutsch muss weder gut, korrekt noch leicht verständlich sein. So lesen wir z.B. ein Buch, weil uns der Inhalt fasziniert, das, je nach Geschmack, durchaus unterschiedlich sein kann.
In einem kann man sich aber sicher einig sein. Jede der Empfehlungen für „gutes Deutsch“ betrifft zwar nur ein Detail, von dem sich achselzuckend sagen ließe: Als käme es ausgerechnet darauf an! In ihrer Summe jedoch bewirken diese hundert Winzigkeiten den Unterschied zwischen gutem und schlechtem, fadem und schmackhaftem, offenem und versperrtem Deutsch.
chaoskatrin - 8. Jun, 22:18
Sonntag, 22. Mai 2005
Wer eine Floskel sucht, mit der er seine Zuhörer oder Leser beeindrucken oder einschüchtern will, der denke sich eine beliebige dreistellige Zahl und suche sich nach ihr aus der Tabelle die Elemente seiner Imponiervokabel zusammen; z.B. 759: "synchrone Fluktuationskontingenz".
0. konzentrierte
1. integrierte
2. permanente
3. systematisierte
4. progressive
5. funktionelle
6. orientierte
7. synchrone
8. qualifizierte
9. ambivalente
0. Führungs-
1. Organisations-
2. Identifikations-
3. Drittgenerations-
4. Koalitions-
5. Fluktuations-
6. Übergangs-
7. Wachstums-
8. Aktions-
9. Interpretations-
0. -struktur
1. -flexibilität
2. -ebene
3. -tendenz
4. -programmierung
5. -konzeption
6. -phase
7. -potenz
8. -problematik
9. -kontingenz
chaoskatrin - 22. Mai, 17:34
Es gibt also wie in Kapitel 3 einmal die Desinformation mit klarem Vorsatz. Zu schaffen macht uns aber die Desinformation mit bedingtem Vorsatz: der Zunftjargon (Jägersprache usw.), das Behörden-Chinesisch, das griechisch-lateinisch-englische Kauderwelsch. Sicher muss man den Fachsprachen zugute halten, dass das Fachwort dem, der es beherrscht, Erleichterung bringt, und im Idealfall kann die Fachsprache auch die Gemeinsprache bereichern, wie z.B. folgende Begriffe aus Bergbau und Jägersprache: die Fundgrube und das Hetzen.
Unschön ist es jedoch, wenn diese oder andere Berufsgruppen, wie z.B. Ärzte, Soziologen oder Physiker uns diese Sprache aufzwängen, die Stirn runzeln und uns korrigieren, wenn wir normales Deutsch reden. Redet der Jäger z.B. von der Blume, so meint er das Stummelschwänzchen eines Hasen, also warum sagt er das nicht, wenn er mit uns redet? Es wäre doch für ihn nur eine geringe Mühe, das deutsche Wort zu wählen.
Somit grenzen sich die Experten und ihre Nachbeter auf diese Weise hochmütig von den Laien ab, erkennen einander am Zunftjargon und steigern ihre Lebensqualität.
chaoskatrin - 22. Mai, 17:23
Donnerstag, 19. Mai 2005
Eigentlich sollte man meinen, Journalisten seien dazu da, den mutmaßlichen Lügen von Politikern mit Argwohn, Scharfblick und Stehvermögen entgegenzutreten. Aber oft machen sie durch ihre Wortwahl das genaue Gegenteil. So sagt z.B. Politiker XY: “Noch nie war meine Partei so geschlossen.“ Natürlich ist das eine Notlüge, was soll er auch sagen? Und was schreibt der Journalist? “Nach Ansicht des Politikers XY war seine Partei noch nie so geschlossen.“, oder „XY ist überzeugt….“ Der Leser glaubt nun, die Ansicht des Politikers zu kennen, man kauft es ihm als „Überzeugung“ ab. Solche Formulierungen sind tückisch und Journalisten machen sich fahrlässig zu Komplizen lügender Politiker. Ich gebe zu bedenken, dass dieses Zitate aus dem Buch sind, und nicht ganz meine Meinung widerspiegeln, aber wie auch immer.
Gefährlich sind auch Worte wie: droht, knapp und nur. Man findet sie in fast jedem Artikel, aber was meinen diese Worte? „In der Metallindustrie droht ein Streik.“ Ein Streik kann nicht drohen. Der Arbeitnehmer droht dem Arbeitgeber, oder? „An dem Warnstreik haben sich knapp 100 000 Arbeiter beteiligt.“ Was ist hier gemeint? Soll die Knappheit betont werden, ein Mangel sozusagen - nicht mal 100 000? „Für die Neutronenbombe sprachen sich nur 30 Prozent der Befragten aus.“ Ich soll also denken, dass 30 Prozent wenig sind, aber vielleicht finde ich es viel? Journalisten manipulieren, statt Manipulation anderer für die Leser aufzudecken.
chaoskatrin - 19. Mai, 20:52
Grob gesagt unterscheidet man Lügner und Manipulatoren. Laut Schneider machen es viele Leute den Lügnern und Manipulatoren zu leicht, denn der Wunsch dieser, uns nicht oder nicht genau zu informieren, trifft auf unseren Wunsch nicht informiert werden zu wollen, bzw. manche über nichts und alle über manches. Die Menschen neigen dazu, sich gegen Informationen zu sperren, die ihr Weltbild, Vorurteil, Selbstwertgefühl oder Hoffnung ankratzen oder zerstören.
Pauschal gesagt, gehören z.B. Politiker zu den Lügnern, aber wer nimmt ihnen das übel, wenn sie sich zur Lüge bekennen? Sie haben schließlich ein höheres Ziel als die Wahrheit, sie sollen die Interessen des Landes wahren, oder die Interessen der Partei vertreten.
Gefährlicher als Lügner sind die Manipulatoren, die, die die Kunst besitzen, Wörter zu frisieren, ihnen Tarnkappen aufzusetzen. Sie sprechen von „freimütiger Diskussion“, wenn die Fetzen flogen.
Manipulation: Papa, unser Lehrer hat mir heute zu verstehen gegeben, dass er nicht ausschließen will, dass ich das Klassenziel unter den derzeitigen Umständen möglicherweise nicht voll erreichen könnte. Er hat dabei angedeutet, dass dieses besonders im fremdsprachlichen Bereich auch durch Mangel an speziellen Maßnahmen meinerseits verstärkt worden sei. Außerdem hat er durchblicken lassen, dass auch andere Lehrer im signalisierten, meine verbale Beteiligung sei noch außerordentlich ausbaufähig.
Klartext: Ich bleibe sitzen, weil ich in Englisch und Latein nichts getan habe und mich insgesamt am Unterricht zu wenig beteiligt habe.
chaoskatrin - 19. Mai, 16:32
Hier stellt Herr Schneider fest, dass wir die Sprache nicht nur zum Informationenaustausch nutzen. Der tägliche Wortausstoß besteht meist aus leerem Geplauder. So schildert er auf amüsante Weise, dass die Sprache, wenn sie nur Informationen enthalten würde, wohl kaum so missverständlich wäre wie sie ist. Die Sprache ist nämlich alles andere als logisch.
Seine Beispiele: Mit „allen“ meinen wir erstens „alle“ aber auch „keine“: Die Äpfel sind alle da – die Äpfel sind alle. „Erst“ bedeutet erstens „zuerst“ und zweitens „zuletzt“: Nein, erst ist Fritz dran, dann erst bist du an der Reihe.
Willkür entdecken wir überall in der Sprache. So ist Tomatensaft aus Tomaten, aber Hustensaft nicht aus Husten. Im Kinderbett liegt meistens nur ein Kind, während im Kindbett ja eigentlich die Mutter liegt. Der Schoßhund sitzt auf dem Schoß, der Schäferhund aber nicht auf dem Schäfer. Wären wir nun gewohnt, die Sprache logisch zu deuten, dann würden wir spätestens hier versagen.
chaoskatrin - 19. Mai, 13:44
Im ersten Kapitel stellt Herr Schneider fest, dass wir aus Zeitungen, Radio und Fernsehen großenteils mit miserablem Deutsch bedient werden. So sind z.B. nur 20% der Zuschauer in der Lage, die Fernsehinformationen zu verstehen. Wir erinnern uns kurz an die Vorlesung: Bekommt das Gehirn Informationen, die es nicht versteht, dann schaltet es ab. Es sagt sich: “Das ist Müll“, und zack, schon sind wir mit den Gedanken woanders.
Wir alle können uns noch an die Schulzeit erinnern, in der uns gelehrt wurde, schwierige Texte so gründlich und oft zu lesen, bis wir sie verstanden haben, aber wollen wir täglich in der Zeitung einen Artikel 10 Mal lesen, bis wir ihn verstehen? Nein, wir wollen mühelos verstehen, Informationen interessant und leicht verständlich dargeboten bekommen, denn wir haben weder Zeit noch Lust, die Texte auf ihren Inhalt hin zu analysieren.
Und nun zum Duden. Herrn Schneiders Meinung nach hat der Duden kapituliert. Er registriert nur noch, verzichtet darauf, Normen zu setzen und gut und schlecht zu unterscheiden.
chaoskatrin - 19. Mai, 13:41
Für die, die dieses Buch nicht gekauft haben, möchte ich hier nach und nach die einzelnen Kapitel kurz inhaltlich wiedergeben, wobei ich viel zitiere, das aber nicht jedes Mal kenntlich machen möchte. Daher geht nicht davon aus, das mir so geistreiche Worte einfallen, nein, die meisten stammen aus der Feder des Autors. Wolf Schneider nimmt mit viel Humor die
Deutsche Sprache auseinander, getreu nach dem Motto: „Deutsche Sprache-Schwere Sprache“
chaoskatrin - 19. Mai, 13:36